GYÖRGY FEHÉRI

DIE UNGARISCHE FILMLANDSCHAFT HEUTE

Es ist schwer zu definieren, wo die Gegenwart des ungarischen Films beginnt. Erster Gedanke: 1989. Aber die «Wende» hat man in Ungarn weniger als Neuanfang erlebt als in anderen sozialistischen Ländern, da es hier schon lange brodelte. Dann lieber bei einer runden und magischen Zahl, 2000? Oder 2003, als das neue Filmgesetz in Kraft trat und für viele Regisseure ruhigere und sicherere Arbeitsbedingungen schuf?

Wie auch immer, unbeirrt von Krise und Finanzierungsschwierigkeiten wird Jahr für Jahr im Februar die Budapester Filmschau veranstaltet, wo um die 30 Spielfilme und eine sehr große Zahl Dokumentar-, Kurz- und auch Experimentalfilme vorgestellt werden.

Scene Ungarn in NRW versucht einen Bogen zu schlagen von neueren Werken der Altmeister – wie «Ein Hauch von Sonnenschein » (1999) von István Szabó – zur jüngeren Generation ungarischer Filmemacher – mit «Hukkle» von György Pálfi (2002).
Der Film von Szabó zeichnet eine typische jüdische Familiengeschichte in vier Generationen auf und umkreist die quälende Frage jüdischer Identität und Assimilation. Szabó hat vor allem zwei eindringliche Botschaften an die Zuschauer, die einerseits sehr persönlich sind, anderseits seit Jahrzehnten zu den ungelösten Problemen der ungarischen Gesellschaft gehören und erst nach 1989 so klar auszusprechen waren: Man kann zwar zu zwei Gemeinschaften gehören, aber seine Identität darf man unter keinen Umständen aufgeben. Und: die Verfolgung und Ermordung der ungarischen Juden während des Holocaust wäre ohne ungarische Hilfe nicht möglich gewesen – man muss die ungarische Verantwortung sehen und eindeutig benennen.

Nur zwei Jahre später drehte Pálfi «Hukkle», aber «Bild-Welten» trennen ihn von Szabó. «Der Film ist in erster Linie ein Spiel mit der Filmsprache, indem hinter den idyllischen Szenen und Bildern die Geschichte so positioniert wird wie die gesuchten Personen auf den beliebten Vexierbildern der Jahrhundertwende: das Bild muss einerseits verkehrt herum angeschaut werden, anderseits muss man vergessen, was man schon gesehen hat – und erst dann kommt die gesuchte Person zum Vorschein.» So erklärt Pálfi seine Sichtweise in «Hukkle». Er gehörte zur Regieklasse des Produzenten Sándor Simó, der dem ungarischen Kino als begnadeter Pädagoge viele junge Talente geschenkt hat. Simós Prinzip war, die Schüler seiner Klasse vom ersten Studienjahr an ein Spielfilmprojekt erarbeiten zu lassen, aus dem dann der Abschlussfilm des Studiumsentstand.

Im «Überflug» über die Landschaft des gegenwärtigen ungarischen Films wäre es natürlich schön, verraten zu können, welche Tendenzen den ungarischen Gegenwartsfilm charakterisieren. Dazu müssten wir einzelne Punkte auf dem imaginären und auch willkürlich gezeichneten Bogen zwischen Szabó und Pálfi markieren und Gemeinsamkeiten aufzeigen: Ferenc Török, Szabolcs Hajdú, Antal Nimród, Béla Tarr, Benedek Fliegauf, Bence Miklauzic, Dániel Erdély, Kornél Mundruczó... die Liste ist noch nicht einmal halbfertig. Namen, hinter denen sich eine solche Vielfalt versteckt, dass sie jegliche Zusammenfassung wohltuend verhindert und eigentlich nur eine befriedigende Lösung erlaubt: ins Kino setzen und selber schauen!

GYÖRGY FEHÉRI

IST LITERATURWISSENSCHAFTLER, PUBLIZIST
UND MITARBEITER DES COLLEGIUM HUNGARICUM BERLIN