TIJANA STEPANOVIC

KUNSTRÄUME

Ungarn ist eines der bedeutendsten Zentren zeitgenössischer Kunst in der Region Mitteleuropa. Das Land verfügt über eine ausgesprochen starke institutionelle Struktur sowie zahlreiche, auch international erfolgreiche Künstler.

Die beiden größten zeitgenössischen Kunsteinrichtungen, das Ludwig Múzeum – Kortárs Művészeti Múzeum (Zeitgenössisches Kunstmuseum) und die Műcsarnok (Kunsthalle) geben neben den neuesten internationalen Strömungen auch ungarischen Künstlern Raum zur Darstellung ihrer Werke. Das Ludwig Museum organisierte im Jahr 2010 unter anderem eine Ausstellung für den Nam June Paik-Preisträger Attila Csörgő, der mit selbst geplanten und mit ingeneurischer Präzision ausgeführten Konstruktionen experimentiert. Die Kunsthalle zeigt 50 Jahre Geschichte der wichtigsten Werkstatt des experimentellen ungarischen Films: des Balázs Béla Studios (BBS). Für diejenigen, die an der Underground- Kultur der 70er und 80er Jahre interessiert sind, bietet neben dem bbs-Archiv auch der Artpool unschätzbar wertvolles Material.

Das Ernst Múzeum, das zur Műcsarnok gehört, ist ein wichtiger Schauplatz für Ausstellungen renommierter ungarischer Künstler und Künstlergruppen – insbesondere ist hier die Retrospektive Szabolcs KissPál zu nennen. Die jungen Künstler wie z. B. István Csákány, Marcell Esterházy oder Katarina Sevic organisieren ihre ersten Ausstellungen im Fiatal Képzőművészek Stúdiója (Studio der Jungen Bildenden Künstler), mit mehr als 400 Mitgliedern gleichzeitig die wichtigste Gruppe junger Künstler.

Zahlreiche Einrichtungen arbeiten mit einem markanten Profil und klaren Fokus. So legt das Trafó Művészetek Háza (Haus der Künste Trafó) den Schwerpunkt auf zeitgenössische darstellende Kunst, die Trafó Galerie stellt in erster Linie bildende mittelund osteuropäische Kunst aus. Die Forschung zur kulturellen Anwendung technologischer Errungenschaften ist die erklärte Mission der traditionsreichen C3 Alapítvány (Stifung C3) sowie der Kitchen Budapest.

Das bedeutendste Archiv der ungarischen Fotokunst ist im Kecskeméti Fotó Múzeum (Kecskeméter Fotomuseum) zu finden, das unter anderem Bilder von André Kertész, László Moholy-Nagy und Robert Capa aufbewahrt. In Budapest stellen das Mai Manó Ház und die Vintage Galerie Raum für zeitgenössische und historische Fotoausstellungen zur Verfügung. Das Lumen ist dagegen die Galerie der jüngsten Fotogeneration. Dort sind in erster Linie Ausstellungen zu sehen, die sich mit gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzen. Der Leiter der Galerie, Gergely László, ist selbst ein talentierter Fotograf.

Unter den führenden kommerziellen Galerien sind besonders Videospace, Karton, acb, Knoll sowie die Inda Galerie erwähnenswert. Von der Kisterem Galerie wird auch Antal Lakner vertreten, einer der originellsten Schöpfer neokonzeptioneller Kunst. Er realisierte «Island Army», «Metro Istanbul» sowie «INERS - 2g Passive Dress», ein die Gravitationskraft steigerndes Kleidungsstück. Eine weitere herausragende Vertreterin der neokonzeptionellen Kunst ist Emese Benczúr, die ihre Werke in minuziöser Handarbeit gestaltet. Ebenfalls in dieser Reihe zu nennen ist die mit Freiluftkunst bekannt gewordene Künstlergruppe Kis Varsó (Little Warsaw), deren bekanntestes Werk «The Body of Nefertiti» auf der Biennale in Venedig gezeigt wurde.

Außerhalb von Budapest vertreten die Dunaújvárosi ica-d, beziehungsweise die Pécser Közelítés Egyesület (Pécser Gesellschaft für Annäherung), die kraftvollsten Trends der internationalen bildenden Kunst. In Debrecen setzt MODEM den Fokus vorrangig auf moderne Kunst.

Die zeitgenössische ungarische bildende Kunstszene entwickelt sich dynamisch, mit Recht erhebt sie Anspruch auf starke internationale Aufmerksamkeit und immer mehr internationales Auftreten und Kooperation.

TIJANA STEPANOVIC

IST PROGRAMMLEITERIN VON ACAX, DER IM LUDWIG MUSEUM ANGESIEDELTEN AGENCY FOR CONTEMPORARY ART EXCHANGE, DIE ES SICH ZUR AUFGABE GEMACHT HAT, DIE INTERNATIONALEN BEZIEHUNGEN ZEITGENÖSSISCHER UNGARISCHER KUNST ZU STÄRKEN