LEA POLGÁR

LITERARISCHE VIELFALT

Neben einigen hervorragenden sehr bekannten ungarischen Schriftstellern – unter ihnen auch Gäste des scene-Programms in Nordrhein-Westfalen, wie Péter Esterházy, Péter Nádas, Imre Kertész, György Dalos, László Darvasi – gibt es in Ungarn heute noch andere bemerkenswerte schriftstellerische und poetische Talente.

Nach dem Untergang des Kommunismus erlebte Ungarn auf literarischem Gebiet eine Verwandlung.

Der Roman wendet sich wieder Geschichten zu, die auf einem Handlungsgerüst basieren. Gleichzeitig entwickeln die Schriftsteller ein größeres Interesse an erzähltheoretischen Fragen: Wer ist der Erzähler? Wie deutet der Erzähler die Handlung? Und ist es überhaupt möglich, die Geschichte zu erzählen? Die Gattungen des zeitgenössischen Romans werden oftmals sowohl vom individuellen, als auch vom kollektiven Gedächtnis bestimmt – so in der Familiensaga (Pál Závada), der Autobiografie (László Garaczi), im Vaterbuch (Péter Esterházy, Miklós Vámos, György Dragomán) oder im historischen Roman (Imre Kertész, György Spiró).

In der Poesie ist die Errungenschaft der ersten Dichtergeneration nach 1989 ein neues Nachdenken über die Rolle der Poesie in der ungarischen Gesellschaft und Kultur (Dezső Tandori, György Petri, Imre Oravecz, und später dann Lajos Parti Nagy und Endre Kukorelly). Die zweite Generation experimentiert mit anspruchsvollen klassischen Formen. Die Autorin Krisztina Tóth zum Beispiel schreibt selbstironische Gedichte und unterhält einen Dialog mit den rhythmischen und rhetorischen Traditionen der Spätmoderne. János Térey erfüllte die Gattungen des poetischen Romans und des poetischen Dramas mit neuem Leben. Dániel Varró bevorzugt traditionelle Formen der Dichtung und hat neue dichterische Genres hervorgebracht, wie zum Beispiel das sms-Gedicht. Bei Orsolya Karafiáth finden sich humoristische Bedeutungen. Während insbesondere Schriftstellerinnen früher in der Poesie sehr präsent waren (Zsuzsa Rakovszky, Zsófia Balla), trifft man sie in neuerer Zeit eher in der Prosa an (Zsuzsa Bruria Forgács, Zsófia Bán, Kriszta Bódis, Judit Ágnes Kiss).

Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts sehen wir auch, wie sich die Dichtung über das Internet verbreitet. Auf Websites wie www.dokk.hu, die von János Lackfi erstellt und bespielt wird, können wir junge Schreibtalente entdecken. Und dank der Online- Veröffentlichungen von Poetry Blogs – wie dem von Áron Tosoki – erreicht Literatur heute eine ganz andere Art von Lesern.

Und noch eine Gruppe von Schriftstellern ist in Ungarn sehr stark und darf nicht vergessen werden, die hervorragenden Kinderbuchautoren/-autorinnen: István Csukás, dessen Geschichten hauptsächlich von Zeichentrickfilmen und Puppenspielen bekannt sind; Veronika Marék und die leider verstorbene Éva Janikovszky, Autorinnen vieler Kinderbücher auch für die Jüngsten; Erwin Lázár, dessen Sprache so eigentümlich und verspielt war; und die junge Judit Berg, Autorin der populären Rumini-Serie.

LEA POLGÁR

IST SCHRIFTSTELLERIN UND LEBT IN BUDAPEST. SIE LIEST IM RAHMEN
DES SCENE-PROGRAMMS IN AACHEN, BONN, DÜSSELDORF UND MÜNSTER