ANNA LENGYEL

DIE FREIE SZENE – WO ES LANG GEHT

Seit gut zehn Jahren schreibt in Ungarn fast ausschließlich die freie Szene Theatergeschichte. Mit einigen, wenigen Ausnahmen, wie dem Katona József Theater oder dem Örkény Theater in Budapest, wurden Staats- und Stadttheater zu Fabriken ohne konsequentes künstlerisches Programm, ohne gesellschaftliche Verbindlichkeit. Kein Wunder, dass von ein, zwei Stadttheaterproduktionen abgesehen, in den letzten sechs Jahren freie Gruppen, wie vor allem Krétakör um Árpád Schilling oder auch Béla Pintér und Co. das ungarische Theater bei den maßgebenden europäischen Festivals vertreten haben. Mit der Auflösung vom renommierten Krétakör im Jahr 2008 scheinen diese führende Rolle nun die Regisseure Béla Pintér, Viktor Bodó und Kornél Mundruczó zu übernehmen.

Schon das erste Werk des europaweit bekannten Filmregisseurs Kornél Mundruczó, «Nibelungen Wohnpark» von János Térey, gespielt in einem alten Spital, bewies, dass er Neues zu bieten hat. Mundruczó, der inzwischen auch als einer der bekanntesten ungarischen Theaterregisseure gilt, eröffnete zuletzt das Thalia in der Gaußstraße in Hamburg unter Joachim Lux’ neuer Intendanz mit «Judas Evangelium». Dieses Werk, wie auch seine überall gastierende Produktion, das «Frankenstein Projekt», sind im Design und in der Spielweise von einem neuen, fotorealistischen Stil geprägt, der den Zuschauer unbequem nah dran lässt. Doch als modernes Brechtkind erinnert uns Mundruczó trotzdem immer daran, dass wir im Theater sitzen. In seinem Film-Theater.

Viktor Bodó war mal Krétakörs unvergesslicher Baal in Árpád Schillings Inszenierung, die in ganz Europa auf Tourneen triumphierte. Heute will er nicht mehr spielen, aber als Regisseur wurde er über Nacht berühmt. Sein zweites Zuhause ist das Schauspielhaus Graz, wo er schon dreimal inszeniert hat. Auch Berlin und Köln haben ihn mehrmals eingeladen. Bodó muss man dem deutschen Publikum also kaum vorstellen. Doch es lohnt sich zu sehen, wie er in Budapest mit seinem Sputnik Ensemble arbeitet, nämlich ganz frei, ohne die Zwänge eines Stadttheaters.

Béla Pintér, dessen Werk das nrw-Publikum dieses Jahr kennenlernen wird, ist seit gut zehn Jahren eine der wichtigsten Figurender freien Szene Ungarns. Seit der Auflösung von Krétakör ist sein Ensemble das international bekannteste. Pintér schreibt und inszeniert alle Stücke der Kompanie selbst, außerdem spielt er mit. Pintér ist eine einzigartige Figur der ungarischen Bühne. Ein intuitives Genie und ein Autodidakt. Seine Ausbildung hat nichts mit Theater zu tun, dennoch ist er unwahrscheinlich kreativ, sensibel, scharfsinnig, kritisch und reflexiv, ein mit saftigem Humor gesegneter Dramatiker, Regisseur und Schauspieler.

Sein Stil ist unverkennbar. Er ist einer der sehr wenigen ungarischen Theatermacher, die nicht mit der in Ungarn herrschenden Stanislawski Methode, sondern mit freien Gastspielen aus West- und Zentraleuropa in der wichtigsten Spielstätte der Achtziger, im Szkéné Theater aufgewachsen sind. Szkéné bleibt auch das Zuhause des Pintér Ensembles, und ist heute vielleicht das einzige - obwohl kleine - Haus in Ungarn, das bei diesen Gelegenheiten immer ausverkauft ist. Stilisierung, eine reflexive, ironisch distanzierte Spielweise und viel Musik machen die originellen Werke von Pintér und seinem Komponisten Benedek Darvas zu neuen Musiktheaterereignissen, die immer unterhaltsam und kritisch sind und die herrschende Theorie widerlegen, die Entertainment und Gesellschaftskritik im Theater auseinanderhalten will.

ANNA LENGYEL

IST DRAMATURGIN, ÜBERSETZERIN UND THEATERPRODUZENTIN IN EUROPA UND DEN USA (WWW.PANODRAMAPLAYS.BLOGSPOT.COM)